Aus meinem Reisetagebuch: Mit einem Wohnmobil durch Zentralasien
Usbekistan
19.05.03
Wir fahren bei Dashouz (Turkmenistan) zur Grenze, sind also 100 km von der vorgeschriebenen Route abgewichen. Aber es ist kein Problem, die Turkmenen überraschend gut gelaunt (sonst ja eher finster), denn es gibt endlich mal Abwechslung : wir sind die einzigen, die da rüber wollen. Die Usbeken hätten SARS-Quarantäne, sagen sie, die würden uns nicht reinlassen.
Mitsch fährt mit einem turkmenischen Zöllner rüber, um zu fragen, ausnahmsweise werden wir vorgelassen. Ein dicker Arzt mit Atemschutztuch vorm Mund erwartet uns auf der Terrasse des usbekischen Zollhauses. Die Soldaten haben ihre Tücher locker um den Hals hängen. Der Arzt schaut uns in den Rachen, schiebt ein Thermometer unter unsere Achseln : wir haben 40 Grad, alle lachen, ist vermutlich die Außentemperatur. Also nochmal kürzer messen, dann ist's ok. Die Autos werden nicht durchwühlt, sie schauen nur kurz rein. [Das Carnet de Passage wurde auch hier nicht verlangt.]
Dicht besiedelte Gegend, kein einsamer Platz für die Nacht. Wir bleiben in der Kolchose Bostan bei Shavat hinter dem Gerippe eines ehemaligen FreilichtTheaters.
20.05.03
Vorm Frühstück erhalten wir Besuch vom finster blickenden, feisten Kolchose-Bonzen in seinem Wolga, am Steuer sein unterwürfiger Fahrer : Eine Szene wie aus einem Kustorika-Film. Er hantiert mit Funkgerät und Mobiltelefon und beides funktioniert nicht. Er habe die Polizei gerufen, gibt er zu verstehen, wir sollen warten, aber wir machen uns davon.
Sengende, windstille Hitze über Khiva, ein Junge sitzt unter einem kaputten, schwarzen Regenschirm auf dem staubigen Parkplatz vor dem Stadttor und verkauft Sonnenblumenkerne auf einem Holzkarren. Innerhalb der Mauern nur alte Bauten : die komplette Restauration des islamischen Stadtkerns, ein Freilichtmuseum. Bis ins 19. Jh. war Khiva Sklavenmarkt, unter der Hand habe man noch 1920 welche kaufen können. Die Karawanen seien "barbaric cruelty and terrible journeys across deserts and steppes infested with wild tribesmen" (genau wie unsere) gewesen, sagt der "Lonely Planet" Central Asia (6/2000, S. 326). Alle Rucksacktouristen haben ihn (auch ich), doch leider ist er in vielen Details veraltet : z. B. gibt es in allen größeren Städten Geldautomaten, sogar mit der EC-Karte kann ich US-Dollar ziehen.
21.05.03
Stadtführung durch Khiva :
Das Wort "Geldwäsche" stamme aus dieser Gegend. Aus Mangel an Papier und Metall habe es Geldscheine aus Seide gegeben, gewaschen behielten sie ihren Wert. Europäer, die die Anreise durch die Wüste überlebten, seien hier entweder verkauft oder geköpft worden, je nachdem, was mehr einbrachte, die Köpfe habe man aus Säcken auf den Marktplatz gekippt, der Khan habe auch für alte und kranke Exemplare gezahlt. Die Mongolen zerstörten die Stadt vollständig (das kommt davon!)!), nur die Moschee ließen sie stehen, weil sie darin ihre Pferde an den 213 Holzsäulen anbinden konnten. Der Innenhof des Khan-Palastes wäre eine passende Kulisse für Becketts "Endspiel". Auf der Bühne steht ein hölzerner Thronsessel mit Robe und Pelzkappe, ich setze mich drauf und ziehe die Sachen über : Ich, der Khan von Khivi.
Rashit heißt der Besitzer des "Mirzoboshi-Hotels" (Bed & Breakfast mitten im alten Stadtkern) und ist schon mittags betrunken. Frau und Töchter bewirten 16 deutsche Rentner (morgens waren es noch 17, einer machte schlapp auf der Anreise durch die Wüste!), sie haben die Reise beim "Braunschweiger Wochenblatt" gebucht.
Rashit labert fröhlich torkelnd mit roten Augen und braunen Zähmen. Ich sage laut in die Runde : "Guten Tag zusammen!" Die alte Dame neben mir genervt : "Jaja, guten Tag, guten Tag!" Scheinbar hält sie mich für einen weiteren Usbeken, der seinen einen deutschen Satz zum besten gibt.
[Tipp: Man kann vor der westlichen Stadtmauer Khiva's campen.]
24.05.03
Im Delta des Amudarja, des "Unberechenbaren", der hin und wieder sein Flussbett wechselt und ganze Ortschaften wegspült. Früher mündete er ins Kaspische Meer, heute schafft er es nur noch selten bis zum Aralsee - zu viel "Aderlass" für die Baumwolle. Der Strom liegt breit und träge vor uns wie ein See. Zwischen Urgench und Beruni überqueren wir ihn auf einer Pontonbrücke, die aus etwa einem Dutzend aneinandergeketteten Schiffen besteht, von rostigen, ausgebeulten Stahlplatten bedeckt. Auf der anderen Seite machen wir Rast, das Ufer ist mit Schilf und Büschen bewachsen, ein paar Typen sitzen am Wasser, es ist sehr heiß. Ich lege mich aufs Bett, lasse alle Türen des Wohnmobils offen und bin wohl doch eingeschlafen, denn als ich wach werde fehlen Walkman, Kopfhörer und anderer Kleinkram.
Boden und Grundwasser sind salzig; üble Gerüche undefinierbarer Herkunft wehen herum, auf den Feldern stehen Menschen in der Hitze und arbeiten. Einmal pro Monat wackelt die Erde.
Bin froh, wieder in der Wüste zu sein (über die A380 Richtung Buchara), es ist noch heißer geworden, 50 Grad im Schatten, ich leide. Eine Unverschämtheit ist das : mitten im Mai!
In der Nacht campen wir auf einer Anhöhe neben zwei rostigen Wasserpumpen, weiter Blick über den Amudarja und eine Machalla (Dorfgemeinde). Eine schwarze Wolkenwand mit Blitzen und Regenfahnen zieht auf über dem südlichen Horizont, der Wind heult, ein zotteliger Vogel sitzt allein auf einem Draht und piept. Es kommen ein paar Tropfen runter, aber es kühlt nicht ab.
25.05.03 - Buchara
Usbekische Männer sind wie ihre Autos meist in schlechtem Zustand : ausgebeulte Jogginghosen und braune Gummibadeschlappen. Sie sind wortkarg und schauen trübe. Die schlechte wirtschaftliche Lage des Landes sei Schuld daran. Die meisten sprechen drei Sprachen : Russisch, Usbek und Tadschik, für mich hört sich alles gleich an. Ein 11-jähriges Mädchen kann außerdem Englisch, Deutsch und Japanisch : "from the tourist", sie verkauft Mützen und Keramik.
Mein Zimmer im Hotel "Fatima und Ibragim" hat nur ein winziges Fenster unter der Decke, heißes Wasser läuft durch die Heizung (zusätzlich zu den 50 Grad Außentemperatur), das Duschwasser hingegen bleibt kalt. In der ersten Nacht schlafe ich im Hof auf einem großen, eisernen Bettgestell (heißt "Tabshan", stehen auch in Restaurants, auf Gehwegen und in Parks, man schläft, isst und spielt Karten darauf). Unsere Autos stehen für 1000 Sum pro Nacht auf einem verschlossenen Hof, kein Auto bleibt nachts auf der Straße.
[Tip: Man kann auch auf dem bewachten TIR-Parkplatz vor der Stadt campen, rechts aus Richtung Nukus.]
Buchara passt besser zu seinen Männern als zu seinem Ruf : Buchara ist ein düsteres, staubiges Armenviertel mit ein paar schiefwinkligen, verstreut liegenden Medresen, Moscheen und einer verfallenen Zitadelle. Wie Pappkulissen sind sie in eine gänzlich unpassende Umgebung gestellt. Hinter jedem alten Bau stolpert man erneut über kaputte, dreckige Wege in enge Gassen mit erbärmlichen Behausungen.
Das Zentrum nennt sich "Labi Hauz" ("around the pool", aber ich übersetze natürlich "Haus zum Labern") : ein kleiner, dunkler Tümpel, umgeben von ein paar knorrigen Maulbeerbäumen (deren Früchte die Gehwege bedecken), ein Café und ein Restaurant (mit Touri-Preisen : wir zahlen mindestens das Doppelte). Besser man bleibt im schattigen Hof des Hotels und schaut sich die alten Bauten im Reiseführer an, dort sind sie schöner als in Wirklichkeit.
26.05.03
Schönes Nachtlager kurz vor Samarkand zwischen zwei tiefen Gräben, in denen türkisfarbene Vögel nisten. Eine Ziegenherde zieht vorüber - sonst nur weites, leeres, grünes Land und Himmel und Wind um uns. Wir haben eine deutsche Studentin und Abduwachid (erster Diener Gottes und Deutschlehrer in Tashkent) mitgenommen. Während wir im Dunkeln über unserem Nachtmahl sitzen, schleicht ein Fuchs um die Autos - die beiden hören seinen Atem.



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